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Inwiefern verändert die Auszeichnung von Spitzenforschung an ausgewählten Hochschulen das gesamte Hochschulsystem und die Situation der nicht ausgezeichneten Hochschulen? Gut eineinhalb Jahre nachdem die ersten Exzellenz-Siegel vergeben wurden, habe ich diese und andere Fragen auf der vierten Station der grünen Hochschultour in Leipzig diskutiert. Auf die spezifische Situation in Leipzig zugeschnitten war zudem die Frage nach den besonderen Auswirkungen der Exzellenzinitiative auf die Hochschullandschaft in Ostdeutschland. Schließlich war die Universität Leipzig zwar mit ihrem Antrag in der ersten Förderlinie der Exzellenzinitiative (Graduiertenschulen) erfolgreich, scheiterte jedoch wie viele andere ostdeutsche Hochschulen in den weiteren Förderlinien. Auch die Einschätzungen vor Ort zum Landesexzellenzwettbewerb Sachsen waren für uns besonders interessant.
Zudem habe ich in Leipzig die grüne Strategie für mehr Qualität in der Lehre zur Diskussion gestellt, die in eine Neuauflage der Exzellenzinitiative integriert werden soll. Zusammen mit Monika Lazar MdB, grüne Bundestagsabgeordnete aus Leipzig, und Dr. Karl-Heinz Gerstenberg MdL, hochschulpolitischer Sprecher und parlamentarischer Geschäftsführer der grünen Fraktion im sächsischen Landtag, habe ich am 30. Juni 2008 die Universität Leipzig besucht. Dort sprachen wir mit Rektorat, Studierenden und WissenschaftlerInnen über die Erfahrungen mit der Exzellenzinitiative und Perspektiven für ihre Weiterentwicklung. Die Gespräche brachten viele interessante Erkenntnisse und hilfreiche Rückmeldungen hervor.
Beim ersten Tour-Termin waren wir bei Prof. Dr. Martin Schlegel, Prorektor für Forschung und wissenschaftlichen Nachwuchs, und Prof. Dr. Wolfgang Fach, Prorektor für Studium und Lehre, eingeladen. Prof. Schlegel stellte fest, die Exzellenzinitiative habe verkrustete Strukturen aufgebrochen und Entwicklungsmöglichkeiten eröffnet. Aber im Wettbewerb sei auch die Spaltung in ein Zwei-Klassen-System der Hochschulen angelegt. Denn wer im Wettbewerb knapp verloren habe, könne nun auch noch seine besten Forscherinnen und Forscher an die siegreichen Spitzen-Unis verlieren - Sogwirkungen seien zu befürchten. Für die Uni Leipzig, die mit einer Graduiertenschule erfolgreich war, sei daher "wichtiger als das Geld, dass man überhaupt auf der Exzellenzlandkarte zu finden ist?. Sonst wäre der Anschluss an die Spitze unmöglich. Prof. Fach ergänzte, dass gerade die dritte Förderlinie des Exzellenzwettbewerbs - die Auszeichnung ganzer Hochschulen - eine "massive Asymmetrie? fördere: "Wer da gewonnen hat, kann künftig auch ganz andere Hochschulwettbewerbe für sich entscheiden, weil er jetzt die Mittel hat, sich optimal zu positionieren."
Den grünen Vorschlag einer Qualitätsoffensive für die Lehre begrüßten die beiden Prorektoren. Wichtig sei es jedoch, das System Lehre strukturell zu verbessern und nicht bloß einzelne charismatische Hochschullehrerinnen und -lehrer auszuzeichnen. Darin bestand weitgehend Einigkeit, denn für gute Lehre sei nun mal die Betreuungsrelation bzw. die Größe von Lehr- und Lerngruppen die entscheidende Stellgröße. Ein Wettbewerb für herausragende Lehre mache dann Sinn, wenn er nicht bereits erbrachte Leistungen prämierte, die sich mit Geld kaufen lassen. "Denn sonst hätten wieder die großen Unis von vornherein gewonnen?, so Prof. Fach. Stattdessen müsse man Ideen fördern. Darauf haben wir Grüne in unserem Bundestagsantrag (Drs. 16/8211) besonderen Wert gelegt.
Im Anschluss an das Gespräch mit dem Rektorat ging es zum Geisteswissenschaftlichen Zentrum der Uni Leipzig. Im dortigen Foyer gab es für alle interessierten Studierenden die Gelegenheit, am grünen Sofa mit uns zu diskutieren. Dazu gab es Kaffee, leckere "gebührenfreie Studienplätzchen? und Infomaterial. Schwerpunkt der Gespräche war nicht nur die Exzellenzinitiative, sondern auch die Umstellung sämtlicher Studiengänge auf Bachelor und Master und die bislang erfolglose Forderung der Landes-CDU nach der Einführung von Studiengebühren.
Die nächste Station der Hochschultour war der Besuch bei der Graduiertenschule "Building with Molecules and Nano-objects? (BuildMoNa), der Uni Leipzig, die bei der Exzellenzinitiative ausgezeichnet wurde. GesprächspartnerInnen waren Prof. Dr. Evamarie Hey-Hawkins, Koordinatorin der Graduiertenschule, Prof. Dr. Tilman Butz, Dekan der beteiligten Fakultät für Physik und Geowissenschaften, Prof. Dr. Harald Krautscheid, Leiter der beteiligten Fakultät für Chemie und Mineralogie, Prof. Dr. Josef A. Käs, Lehrstuhlinhaber im Fachbereich Physik, und Prof. Dr. Berthold Kersting, Lehrstuhlinhaber im Fachbereich Chemie.
Nach einer Vorstellung der erfolgreichen Graduiertenschule "BuildMoNa? eröffnete Prof. Butz die Diskussion mit den Worten "Wenn alles so umgesetzt würde, wie es in Ihren Initiativen steht, dann sähe es deutlich besser aus?. Prof. Käs bestätigte den grünen Ansatz, dass exzellente Forschung ohne exzellente Lehre nicht denkbar sei, "denn wir brauchen hervorragend ausgebildete Studierende, um exzellente Nachwuchsforscher zu bekommen?. Daher dürfe, so Prof. Hey-Hawkins, ein Wettbewerb für herausragende und innovative Lehre auch kein separater Trostpreis für Verlierer im Ringen um Forschungsexzellenz sein. Sonst würde das Humboldtsche Prinzip der Einheit von Forschung und Lehre weiter in Frage gestellt. Zum grünen Konzept, beide Wettbewerbe miteinander zu verschränken, gab es daher breite Zustimmung. Es wurde aber zu Bedenken gegeben, dass Unis mit Einnahmen aus Studiengebühren bei der Ausschreibung und Förderung von guter Lehre Vorteile haben könnten. - Eine Wettbewerbsverzerrung, die wir Grüne dadurch verhindern wollen, dass die besten Konzepte und Ideen und nicht bereits umgesetzte, teure Maßnahmen prämiert werden sollen. Prof. Hey-Hawkins gab der grünen Delegation auf den Weg, nach innovativen Prämien für gute Lehre zu suchen. Denn "Geld allein ist für Wissenschaftler kein Anreiz für gute Lehre?. Über dieses Thema hinaus wurde eine breite Palette hochschulpolitischer Herausforderungen angesprochen: von der generellen Unterfinanzierung der Hochschulen, über eine bessere Umsetzung des Bologna-Prozesses bis hin zu den erheblichen Mängel an der neuen Hochschulgesetz-Novelle des Landes.
Zum Abschluss der Hochschultour in Leipzig stand ein Gespräch mit Prof. Dr. Matthias Middell, Wissenschaftlicher Geschäftsführer des Zentrums für Höhere Studien, und Katja Naumann, dortige Doktorandin, auf dem Programm. Prof. Middell analysierte, dass die Exzellenzinitiative aufgrund ihrer Kurzfristigkeit und umfangreichen finanziellen Ausstattung einen "Panik-Prozess? an den Hochschulen ausgelöst habe. "Alle positiven und negativen Trends, die in einer Hochschule schlummerten, wurden verstärkt." Katja Naumann bestätigte, dass die Exzellenzinitiative auch viel Unruhe und Konflikte ausgelöst habe. Prof. Middell kritisierte, die Exzellenzinitiative sei ein Muster-Beispiel für ungewollte Nebenwirkungen: Der Wettbewerb befördere einen neuen "Schweinezyklus? für Nachwuchswissenschaftler, die massenhaft in den ausgezeichneten Fächern rekrutiert und promoviert - und später nicht mehr so zahlreich gebraucht würden. Die Aussichten in der Post-Doc-Phase seien deshalb essentiell. Wir Grüne setzen uns daher für verlässliche Karriereperspektiven von NachwuchswissenschaftlerInnen (u. a. durch "tenure track?) ein.
Sehr grundsätzlich sprach sich Prof. Middell für eine stabilere Finanzierung der Hochschulen statt "kurzfristiger Injektionen mit unklarer Verstetigung? aus. Dazu sei das grüne Konzept, einen Teil der Hochschulfinanzierung an die Zahl der Studierenden zu knüpfen (?Geld folgt Studierenden?) durchaus geeignet. Denn insgesamt müsse Hochschulfinanzierung sichtbarer werden, indem ein konkreter Nutzen (z. B. "5.000 qualitativ hochwertige Studienplätze?) mit der jeweiligen Fördersumme verbunden würde.