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Daher muss es für viele Menschen attraktiv werden, Wissenschaft zum Beruf zu machen. Dazu muss Deutschland ein weltoffener und flexibler Wissenschaftsstandort im globalen Wettbewerb um exzellente Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern werden. Zudem gewinnt wissenschaftliche Nachwuchsförderung an Bedeutung. Um vor allem junge Menschen für Forschung und Lehre zu gewinnen, müssen verlässliche Karrierewege und eine verbesserte Vereinbarkeit von Wissenschaft und Familie geschaffen werden.
Diese wissenschaftspolitischen Herausforderungen waren der Themenschwerpunkt der ersten Station unserer Grünen Hochschultour 2008. Dazu habe ich als hochschulpolitischer Sprecher zusammen mit Priska Hinz als forschungspolitischer Sprecherin der grünen Bundestagsfraktion, am 16. April 2008 die Philipps-Universität Marburg besucht. Dort haben wir mit Hochschulverwaltung, Studierenden, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern über Fragen und Perspektiven im Bereich "Wissenschaft als Beruf? und wissenschaftlicher Nachwuchs diskutiert.
Zum Start des Hochschultour-Besuchs in Marburg stand das Gespräch mit dem Universitätskanzler, Dr. Friedhelm Nonne, und der Vizepräsidentin für Nachwuchsförderung und Gleichstellung, Prof. Dr. Babette Simon. Als Marburger Ansatz zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses unter einem Dach stellten sie das Konzept der Marburg University Research Academy (MARA) vor. Dabei bemängelten die beiden, dass besondere Angebote zur Nachwuchsförderung wie z. B. strukturierte Promotionsprogramme von Bund und Ländern häufig nicht gesondert gefördert würden. "Jeder Cent, den ich dort investiere, fehlt mir dann für die grundständigen Studienangebote?, so Prof. Simon. Es sei zu überlegen, inwiefern eine entsprechende Förderung im Hochschulpakt II integriert werden könne.
Die Auswirkungen der Exzellenzinitiative auf die Förderung von Spitzenwissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern an der Universität Marburg beurteilte Dr. Nonne kritisch: "Es besteht die Gefahr, dass die Gewinner-Hochschulen den Verlierern jetzt die besten Leute abwerben." Entsprechende Versuche habe es bereits gegeben. Eine mittelgroße Universität wie Marburg erreiche evtl. gar nicht die kritische Masse, um bei der Exzellenzinitiative erfolgreich zu sein. Die Gefahr sei ein sich selbstverstärkender innerdeutscher Brain drain hin zu den "Elite-Unis?.
Um die Mittagszeit haben wir uns dann dem Gespräch mit den Studierenden gestellt. Im Foyer der Philosophischen Fakultät gab es von uns kostenlose Studienplätzchen und Informationsmaterial über grüne Hochschulpolitik. Zudem lag das Grünbuch "Bessere Hochschulen? aus, indem Studentinnen und Studenten ihre Anforderungen an die Hochschulpolitik der Zukunft festhalten konnten. Zentrale Themen bei den Gesprächen mit den Studierenden vor und auf dem Grünen Sofa waren Studiengebühren, bessere Lehre und der Bologna-Prozess.
Als nächstes besuchten Priska Hinz und ich Prof. Dr. Thorsten Bonacker im Zentrum für Konfliktforschung der Universität Marburg. Prof. Bonacker hatte sich über den von rot-grün im Bund neu geschaffenen Weg der Junior-Professur für seinen Lehrstuhl qualifiziert. Er plädierte eindeutig für eine Ausstattung von Junior-Professur-Stellen mit dem "tenure track?, einer von bestimmten Leistungszielen abhängigen, festen Laufbahnzusage. "Es bringt wenig, junge Menschen vor der Professur zu fördern und ihnen dann aber nur unsichere Perspektiven zu bieten?, so Bonacker. Verlässliche Karriereaussichten mit einem klaren Übergang auf unbefristete Stellen seien essentiell für junge Forscherinnen und Forscher.
Neben der klassischen Habilitation und der Junior-Professur führt ein dritter, ebenfalls von Rot-Grün geschaffener Pfad zur Professur: Das Emmy Noether-Programm der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Dieses Programm möchte Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftlern einen Weg zu früher wissenschaftlicher Selbständigkeit eröffnen. Promovierte Forscherinnen und Forscher erwerben über eine in der Regel fünfjährige Förderung die Befähigung zum Hochschullehrer durch die Leitung einer eigenen Nachwuchsgruppe. Dr. Kerstin Volz vom Zentralen Materiallabor der Universität Marburg ist eine solche Nachwuchsgruppenleiterin. Dr. Volz beschrieb ihren Qualifizierungsweg als durchaus attraktiv. Dennoch entschied sie sich zusätzlich für die Habilitation: "Man wird in der Wissenschaft leider nur für voll genommen, wenn man habilitiert und dann einen Lehrstuhl innehat." Qualifizierungsstrukturen zu ändern, reiche allein nicht aus - man muss auch die Köpfe überzeugen. Sie empfahl ein Mentoring-System für junge Forscherinnen und Forscher, da viele Forschungsprojekte nur an erfahrene Wissenschaftler vergeben würden.
Im letzten Gespräch trafen wir auf die Frauenbeauftragte der Philipps-Universität Marburg, Dr. Silke Lorch-Göllner. Begleitet wurde diese durch die wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen Dr. Christiane Schurian-Bremecker und Dr. Katja Fiehler. Die drei machten darauf aufmerksam, dass Wissenschaftlerinnen - anders als häufig angenommen - gerade auf Lehrstühlen in geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern im Verhältnis zur Studentinnenzahl unterrepräsentiert seien. Daher seien Netzwerke zur weiblichen Nachwuchsförderung nicht nur in natur- und ingenieurwissenschaftlichen Fächern erforderlich. Die größte Hürde für Frauen liege in allen Fächern vor der Berufung auf einen Lehrstuhl. An der von mir mitentwickelten grünen Bundestagsinitiative für mehr Gleichstellung und Genderkompetenz in der Wissenschaft lobte Dr. Lorch-Göllner besonders das Einfordern von verbindlichen Zielvereinbarungen. "Die mit Konsequenzen verbundene Verpflichtung zu Gleichstellungsmaßnahmen ist essentiell. Aber die Schwierigkeit liegt darin, das konkret umzusetzen?, so die Frauenbeauftragte.