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2. Juni 2008

Bericht: Die dritte Station - Besuch am 21. Mai in Hamburg

Beim Bologna-Prozess werden europaweit alle Studiengänge auf die neue zweistufige Struktur mit Bachelor- und Master-Abschluss umgestellt. Ziel ist es, die Vergleichbarkeit der Abschlüsse zu erhöhen, die Mobilität zu stärken sowie Studiendauer und -abbruch zu senken. Die Ziele dieser größten Hochschulreform der vergangenen Jahrzehnte sind richtig, doch an der Umsetzung hapert es oft.
Bericht: Die dritte Station - Besuch am 21. Mai in Hamburg

Bericht: Die dritte Station - Besuch am 21. Mai in Hamburg

Bericht: Die dritte Station - Besuch am 21. Mai in Hamburg

Bericht: Die dritte Station - Besuch am 21. Mai in Hamburg

Bericht: Die dritte Station - Besuch am 21. Mai in Hamburg

Bericht: Die dritte Station - Besuch am 21. Mai in Hamburg

Bericht: Die dritte Station - Besuch am 21. Mai in Hamburg

Die Umstellung von Diplom, Staatsexamen und Magister auf Bachelor und Master darf nicht ein bloßes "Verschulen, Verdichten, Umbenennen? darstellen. Vielmehr müssen wirklich neue Studiengänge entstehen, die die Studierenden optimal qualifizieren und ihre Mobilität im europäischen Hochschulraum fördern. Auch müssen im Bachelor Freiräume und Mobilitätsfenster für Praktika und Auslandsaufenthalte bleiben. Die neuen Studiengänge erfordern zudem einen höheren Lehr- und Betreuungsaufwand. Dafür müssen Bund und Länder zusätzliche Mittel zur Verfügung stellen. Zudem darf die soziale Dimension im Bologna-Prozess nicht vernachlässigt werden.

 
Diese hochschulpolitischen Herausforderungen waren das Thema der dritten Station unserer Grünen Hochschultour 2008. Dazu habe ich als hochschulpolitischer Sprecher zusammen mit Krista Sager, stellvertretende Fraktionsvorsitzende, Dr. Eva Gümbel, wissenschaftspolitische Sprecherin der grünen Bürgerschaftsfraktion in Hamburg und Stefanie Wolpert, Vorsitzende der grünen Landesarbeitsgemeinschaft Hochschulpolitik, am 21. Mai 2008 die Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) und die Universität Hamburg besucht. Dort sprachen wir mit Hochschulverwaltung, Studierenden und WissenschaftlerInnen über die Erfahrungen und Perspektiven des Bologna-Prozesses. Die Gespräche brachten viele interessante Informationen und hilfreiche Erkenntnisse hervor.

 
Besuch bei der Fachhochschule (HAW)

Beim ersten Tour-Termin waren Krista Sager und ich von Präsident und Vize-Präsidentin der HAW, Prof. Dr. Michael Stawicki und Prof. Prof. Dr. Monika Bessenrodt-Weberpals, eingeladen. Als Fachhochschule hat die HAW bereits vor vier Jahren sämtliche Studiengänge auf die neue gestufte Studienstruktur umgestellt und verfügt daher über umfangreiche Erfahrungen mit der Bologna-Reform. Prof. Dr. Michael Stawicki betonte, dass er die kürzlich veröffentlichten Zahlen über gestiegene Studienabbruchzahlen in Bachelor-Studiengängen nicht bestätigen könne. Die Daten der HAW deuteten eher auf gesunkene Schwundquoten in den neuen Studiengängen hin. Ursache hierfür sei die Tatsache, dass die HAW fast alle Bachelor-Studiengänge auf eine Regelstudienzeit von sieben Semestern ausgelegt habe. "Sechs Semester - wie an fast allen anderen Hochschulen in Deutschland - sind zu kurz, bei acht Semestern wäre am ursprünglichen Diplom-Studiengang nichts verändert worden?, so Prof. Dr. Michael Stawicki. Dadurch, dass nahezu alle Studiengänge sowohl zum Winter- als auch zum Sommersemester beginnen, schafft die Fachhochschule maximale Flexibilität für Studierende. "Das kommt auch Teilzeit- und Auslandsstudierenden entgegen? erläutert der Hochschulpräsident. Für eine solche Flexibilität setzen auch wir Grüne uns seit langem ein.

 
Bezüglich der Akkreditierung der Studiengänge erläutert Prof. Prof. Dr. Monika Bessenrodt-Weberpals, dass mittlerweile zwei Drittel aller Studiengänge der HAW akkreditiert seien. Nun führe man die ersten Re-Akkreditierungen durch. Dabei werde auch gerade die Arbeitsbelastung (?workload?) der Studierenden erhoben. In einem Fall habe dies beispielsweise dazu geführt, dass Belegungspflichten im Umfang von vier Semesterwochenstunden gestrichen wurden - eine äußerst sinnvolle Entfrachtung. "Die Zeit haben die Studierenden nun zum Selbststudium?, so die Vize-Präsidentin, "und der Studiengang ist erfolgreich re-akkreditiert?.

 
Grünes Sofa und Studienplätzchen auf dem Campus

Im Anschluss an den Termin in der HAW ging es für Krista Sager und mich zunächst für ein Pressegespräch zur Hochschultour ins Wahlkreisbüro. Danach gab es - im Rahmen der Campus-Aktion - die Gelegenheit zum Gespräch mit den Studierenden. Auf Einladung der Grünen Hochschulgruppe (campusgrün) Hamburg stellten sich die beiden Bundestagsabgeordneten den Anliegen und Fragen der Studierenden. Bei bestem Wetter gab es leckere Studienplätzchen und Infomaterial. Im Grünbuch "Bessere Hochschulen? konnten Studis ihre Forderungen an die Hochschulpolitik der Zukunft festhalten.

 
Einladung der Hochschulleitung der Universität

Die nächste Station der Hamburger Hochschultour war der Besuch bei der Präsidentin der Universität, Prof. Dr. Monika Auweter-Kurtz, und dem Vize-Präsidenten Prof. Dr. Holger Fischer. Auch die Universität habe mittlerweile alle Studiengänge - incl. des Lehramts - auf die neuen Strukturen umgestellt. Dabei könnten in allen Fächern zehn Prozent der Leistungspunkte (credit points) völlig frei erworben werden - entsprechend dem Humboldtschen Ideal des studium generale. Gestiegene Abbrecherquoten könne sie in den neuen Studiengängen nicht beobachten, so die Uni-Präsidentin. "Vielmehr ist die Schwundquote im Bachelor unterm Strich deutlich niedriger als zuvor in Diplom und Magister." Auch die durchschnittliche Studiendauer sei stark gesunken.

 
Gleichzeitig sei aber auch die internationale Mobilität der Studierenden zurückgegangen, räumte Prof. Dr. Holger Fischer ein. Seiner Ansicht nach ist ein siebensemestriger Bachelor wie an der HAW dennoch keine Alternative für die Universität. Denn dann blieben nur noch drei Semester für den Master. "Zu wenig für eine fundierte wissenschaftliche Ausbildung?.

 
Problematisch bewerteten beide die vom Land festgelegten, geringen Übergangsquoten zwischen den beiden Studienphasen. Nur für 50% aller Bachelor-AbsolventInnen sei ein Master-Studienplatz vorgesehen und finanziert. "Diese Quote ist viel zu niedrig, weil es ja auch Fächer wie Medizin und Lehramt gibt, wo 100% der Studierenden in den Master übergehen?, erläuterte die Präsidentin. Daher habe man eine Erhöhung auf eine durchschnittliche Übergangsquote von 80% erreicht.

 
Gespräch zu Perspektiven & Problemen der Akkreditierung

Das letzte Treffen stand ganz im Zeichen der Debatte über die Akkreditierung (Qualitätsbewertung) und Re-Akkreditierung der neuen Studiengänge. Gesprächspartner waren Prof. Dr. Dr. Gießmann vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik, Prof. Dr. Norbert Ritter vom Department Informatik, Dr. Hans-Heinrich Ellermann vom Department Wirtschaft und Politik, Burkhard Warninck, Abteilungsleiter Studium und Lehre in der Hochschulverwaltung, Susanne Zemene Mitarbeiterin derselben Abteilung und Martin Burmester als studentisches Mitglied des bundesweiten Akkreditierungs¬pools. Die Beteiligten berichteten von den Akkreditierungsprozessen in ihren eigenen Fachbereichen bzw. von ihren diesbezüglichen Erfahrungen aus zentraler Perspektive.

 
Dabei wurde zum einen das optimale Akkreditierungsverfahren debattiert: Für eine Cluster-Akkreditierung (gleichzeitige Bewertung mehrerer Studiengänge in einem Verfahren) spreche laut Prof. Dr. Dr. Gießmann, dass sich dabei Synergien nutzen und der Arbeits- und Kostenaufwand bei der Beantragung reduzieren lässt. Dies könne sinnvoll sein, wenn es sich um benachbarte oder konsekutive Studiengänge handelt. Fragwürdig sei das Cluster-Verfahren, wenn - wie an manchen Hochschulen geschehen - auf diese Weise fünf, zehn oder noch mehr Studiengänge "in einem Rutsch? akkreditiert werden sollten, so Martin Burmester. Diese Kritik hatten wir Grüne bereits in unserem Antrag zum Bologna-Prozess geteilt.

 
Bei der Prozess- oder System-Akkreditierung werden nicht ein einzelner oder mehrere Studiengänge bewertet, sondern der Qualitätssicherungsprozess des Fachbereichs oder der Hochschule bei der Entwicklung neuer Studiengänge insgesamt. Für dieses Verfahren spreche, dass Hochschulen auf diese Weise eine systematische Qualitätssicherung entwickeln, die dafür erforderlichen Mittel also für den Aufbau eigener Strukturen investierten anstatt sie für externe Akkreditierungsagenturen auszugeben. Allerdings sei die System-Akkreditierung weniger in der Lage, hochschulübergreifend vergleichbare Studiengänge zu gewährleisten. Bei der Programm-Akkreditierung jedes einzelnen Studiengangs durch die (wenigen) bundesweiten Akkreditierungsagenturen hingegen könnten diese für etwas mehr Vergleichbarkeit sorgen.

 
Ein weiteres spannendes Diskussionsthema war die - bereits in den vorangegangenen Terminen debattierte - optimale Regelstudienzeit für Bachelor- und Masterstudiengänge: Es wurde darauf hingewiesen, dass der siebensemestrige Bachelor ggf. nicht anschlussfähig sei für Master-Studiengänge, da diese meist im Wintersemester begännen. Eine große Heterogenität der Regelstudienzeit zwischen den Studiengängen und Hochschulen (im Sinne von "jede/r macht es anders?) wiederum gefährde die Mobilität der Studierenden.

 
Die intensive und fruchtbare Diskussion zeigte, dass die Rückkopplung mit Hochschulverwaltung, Studierenden, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ein wichtiges und effektives Instrument für die Weiterentwicklung grüner Hochschulpolitik ist. Wir werden die Erkenntnisse in unsere weitere Arbeit einfließen lassen.